GAP-Preisfrage

Die GAP stellte 2015 erstmals eine Preisfrage zu einem gesellschaftlich relevanten Thema von besonderer Aktualität.

Jury-Entscheidungen zur GAP-Preisfrage 2015: »Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?«

Die GAP ist hocherfreut über die große Resonanz, die ihre Preisfrage zu unseren moralischen Verpflichtungen gegenüber Flüchtlingen in der Öffentlichkeit erzielt hat. Insgesamt wurden deutlich über einhundert Beiträge eingereicht. Unter den Autor*innen waren zahlreiche Studierende genauso wie Doktorand*innen, Nachwuchswissenschaftler*innen und Hochschulprofessor*innen.

Die Begutachtung wurde durch eine internationale Jury aus neun Professor*innen in einem vollständig anonymen Verfahren durchgeführt. Aus einer Endauswahl der besten Essays hat die Jury drei Autor*innen mit Preisen ausgezeichnet:

  • 1. Preis: Dr. Matthias Hoesch (Universität Münster)

Kurzzusammenfassung:
Es lassen sich wenigstens drei Gründe angeben, weshalb wir Pflichten gegenüber Flüchtlingen haben: eine allgemeine Hilfspflicht, eine Verpflichtung aus dem Prinzip territorialer Gerechtigkeit und Wiedergutmachungspflichten. Aus diesen drei Gründen sind jeweils unterschiedliche Kriterien dafür ableitbar, welcher Staat in welchem Umfang welche Flüchtlinge aufnehmen sollte. Wären alle potentiellen Aufnahmestaaten bereit, ihren Verpflichtungen in einem angemessenen Umfang nachzukommen, so ließe sich aus diesen Kriterien dafür ableiten, wie der faire Anteil eines jeden Aufnahmestaates aussähe.

Weil allerdings viele Staaten faktisch viel weniger Flüchtlinge aufnehmen, stellt sich die Frage, ob die übrigen Staaten dies ‚auffangen‘ müssen. Es wird dafür argumentiert, dass wir unter der Voraussetzung, dass sich massive Nachteile für unsere Bevölkerung vermeiden lassen, ohne Obergrenze all diejenigen Menschen als Flüchtlinge aufnehmen müssen, die sich auf oder vor unserem Territorium befinden; denen eine Rückführung in ihr Heimatland nicht zugemutet werden kann; und die wir faktisch nicht einem potentiellen Aufnahmestaat überlassen können, der seinen fairen Anteil weniger stark erfüllt oder überschreitet als wir.

  • 2. Preis: Marcel Twele (Humboldt Universität Berlin)

Kurzzusammenfassung:
Angesichts der aktuellen "Flüchtlingskrise" stellen wir als europäische Gesellschaften vermehrt die Frage, was wir Flüchtlingen moralisch schulden. In diesem Essay argumentiere ich dafür, dass erstens uns die (universalen) Menschenrechte moralisch prima facie darauf verpflichten, jedem Flüchtling die Hilfe zukommen zu lassen, die zum Schutz seiner essentiellen Interessen nötig ist; zweitens es dabei keine Rolle spielt, ob es sich um einen Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtling handelt; drittens wir Flüchtlingen dann Asyl gewähren müssen, wenn wir nicht bereit oder in der Lage sind, auf andere Weise zu helfen und viertens wir von dieser Verpflichtung befreit sind, wenn unser eigenes Wohlergehen durch das Nachkommen unserer Pflichten in unzumutbarer Weise beeinträchtigt würde; wobei ich jedoch zeige, dass fünftens jener Fall nur unter besonderen Bedingungen eintreten würde, die bis auf Weiteres nicht zu erwarten sind.

  • 3. Preis: PD Dr. Fabian Wendt (Universität Bielefeld)

Kurzzusammenfassung:
Gerechtigkeit ist ein wichtiger Wert, aber nur einer unter vielen. Was man moralisch tun soll, hängt nicht nur davon ab, was zu tun gerecht wäre, sondern auch von anderen Werten. Für die Frage, welche und wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen sollten, ist insbesondere der Wert sozialen Friedens von zentraler Bedeutung. Der Essay skizziert zunächst, was man aus der Perspektive der Gerechtigkeit über Flüchtlingspolitik sagen kann. Da manchmal Gerechtigkeit und sozialer Frieden für in der einen oder anderen Weise eng verbunden erachtet werden, versucht er danach zu zeigen, dass sozialer Frieden ein eigenständiger, von Gerechtigkeit unabhängiger Wert ist. In einem dritten Schritt wird dann erörtert, was aus der Perspektive sozialen Friedens zu der Frage zu sagen ist, welche und wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen sollten.


Diese sowie sieben weitere von der Jury ausgewählte Essays werden im Mai diesen Jahres in einem von Thomas Grundmann und Achim Stephan herausgegebenen Reclam-Band mit der GAP-Preisfrage als Titel erscheinen und sollen vorab in einer großen deutschen Zeitung erscheinen. Zu den weiteren Buchbeiträgen gehören die Essays von: Jan Brezger, Prof. Dr. Marie-Luisa Frick, Prof. Dr. Bernward Gesang, Simeon Imhoff, Dr. Matthias Katzer, Dr. Norbert Paulo, Patrick Thor.

Wir beglückwünschen die Preisträger*innen und Autor*innen der Buchbeiträge, wir danken aber auch den anderen Teilnehmer*innen für ihren Beitrag. Sie alle haben mit ihren Essays zur Versachlichung einer gegenwärtig hoch emotionalen und von den radikalen Rändern bestimmten Debatte beigetragen.

Die Preisverleihung zur GAP-Preisfrage wird im Rahmen einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung am 11. Mai 2016 an der Universität zu Köln erfolgen.

GAP-Preisfrage 2015: »Welche und wie viele Flüchtlinge sollen wir aufnehmen?«

Die großen Flüchtlingsströme aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Afrika sind Ausdruck tiefsten menschlichen Leides und gehören aktuell zu den drängendsten politischen und humanitären Herausforderungen Deutschlands und Europas. Einerseits ist in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ein Recht auf Asyl verankert, andererseits ist die Integration von Millionen Flüchtlingen eine Aufgabe, die Demokratien in ihrer Stabilität bedrohen könnte. Angesichts der vielfältigen und kontroversen Meinungen zu diesem Thema soll die Preisfrage der GAP zu einer normativen Orientierung in der Flüchtlingsdiskussion aus philosophischer Perspektive beitragen. Im Fokus steht hierbei die Klärung der Frage, welche moralischen Verpflichtungen wir gegenüber Flüchtlingen haben.

Die GAP ruft angesichts der aktuellen Situation Philosophinnen und Philosophen aller Qualifikationsstufen (vom Studierenden bis zur Professorin) dazu auf, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Die Essays sollen argumentativ und klar, zugleich aber auch für eine größere Öffentlichkeit verständlich geschrieben sein. Auf Fußnoten kann deshalb weitgehend verzichtet werden. Die Essays sollen nicht mehr als 4.000 Wörter umfassen. Die drei besten Essays sollen in der Neuen Zürcher Zeitung und eine größere Zahl ausgewählter Essays in einem Sammelband bei Reclam veröffentlicht werden. Ziel ist es, mit guten Argumenten eine vernünftige öffentliche Debatte anzuregen.

Eine unabhängige Jury vergibt folgende Preise:
1. Preis 3.000 €, 2. Preis 2.000 € und 3. Preis 1.000 €.

Die Essays sind bis 15. Januar 2016 in elektronischer Form und anonymisiert mit separatem Deckblatt zu senden an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Weitere Auskünfte erteilt Dr. Joachim Horvath (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!).